„Der Herzerlfresser“ erlebt Uraufführung am Schauspiel Leipzig

Kategorie: Theater in Leipzig Veröffentlicht am Samstag, 21. November 2015 Geschrieben von E. Engelhardt

Regisseur Gordon Kämmerer zeigt ein Theater der Übertreibung

 

Anfangsbild aus Das Schauspiel Leipzig entwickelt sich immer mehr zu einem Theater der Uraufführungen. Nach dem Weihnachtsmärchen in der letzten Woche, stand auch gestern wieder eine Erstaufführung eines Theaterstückes auf dem Programm. „Der Herzerlfresser“ des gefeierten Nachwuchsautors Ferdinand Schmalz wurde als Auftragswerk extra für das Schauspiel Leipzig geschrieben. In der Spielstätte Diskothek, wo der Autor 2014 mit der Uraufführung seines Erstlingswerks „am beispiel der butter“ den Beginn seiner Erfolgskarriere feiern konnte, trieb nun der Herzerlfessser zum ersten Mal sein Unwesen. Das Stück kam gut an beim Leipziger Publikum und auch der Autor selbst war bei der Premiere vor Ort und ließ sich feiern.

 

Nachtwächter mit Blaulicht auf dem Kopf/ Foto: Rolf Arnold Schauwert besitzt die Geschichte in der Inszenierung von Jungregisseur Gordon Kämmerer allemal. Im Stück geht es um ein neues Einkaufszentrum, welches auf Sumpf gebaut ist, und in dessen unmittelbarer Umgebung noch vor der Eröffnung mehrere Frauenleichen gefunden werden. Den Toten wurde das Herz entfernt bzw. herausgebissen. Die alte steirische Legende vom Herzerlfresser, nach der ein Knecht sich durch die Verspeisung von sieben Jungfrauenherzen unsichtbar machen wollte, scheint in der Gegenwart angekommen zu sein. Der Bürgermeister der Kleinstadt an deren Rand das Einkaufszentrum erbaut wurde, möchte die Morde vertuschen und lässt den Nachtwächter gangsterer andi nur ungern ermitteln. Dieser erweist sich nicht gerade als die hellste Leuchte der Kleinstadt, auch wenn er im Dienst ein Blaulicht auf dem Kopf trägt. Die Eröffnung naht, die Leichen häufen sich, merkwürdigerweise werden sie immer vom Bürgermeister entdeckt. Aber der Verdacht fällt auf einen anderen - den neuen und fremden pfeil herbert, der zudem Fleischhacker von Beruf ist. Auf die attraktive fauna florentina, die auch vom Nachtwächter umworben wird, hat er ein Auge geworfen und sie findet ihn ebenfalls interessant. Hebt er sich doch mit seiner tiefsinnigen, melancholischen Art vom Rest der dumpfen, pragmatisch eingestellten Gesellschaft ab. Dann ist da noch die fußpflege irene, die nicht nur Pediküre anbietet, sondern den Menschen aus Füßen und Zehenstellungen die Zukunft voraussagt. Auch mit ihrem Herzen steht es nicht zum besten, denn sie ist unglücklich in den Bürgermeister verliebt.

 

Bühnenbild Das Stück eignet sich sowohl als Krimi wie als Sozialstudie. Es hat Volksstückcharakter und orientiert sich damit an Schmalz' Vorgängerwerken. Die Figuren sind Stereotypen der dörflich-kleinstädtischen Gesellschaft (Dorfpolizist, Lokalpolitiker, Dorfschönheit, Fremder) aus denen nur irene als Transfrau, die sich in der Stadt einer Geschlechtsangleichung unterzogen hat, heraussticht. Das Stück hätte man realistisch inszenieren können, aber Gordon Kämmerer entscheidet sich für einen spannenderen Weg und nutzt das Theater als Ort der Verfremdung. Das deutet sich schon im Bühnenbild von Jana Wassong an. Der Boden ist von einem schwarz-weißen Zickzackmuster geprägt. Auf der linken Seite ist eine kleine Anhöhe mit Luke im Boden, aus welcher Figuren emporsteigen und wieder verschwinden. Vor einem Vorhang mit Gebirgsmotiv ist auf der rechten Bühnenseite eine bewegliche Bretterbude mit drei Fenstern aufgestellt, die für den Fußpflegesalon inklusive asiatischer Schriftzeichen und Neonfuß, aber auch für das gesamte Einkaufscenter steht. Mittels einer Leiter lässt sich auch das Dach erklimmen und bespielen. Mehr Bühnendekoration gibt es nicht, abgesehen von zwei Stühlen am Anfang und dem intensiven Gebrauch der Nebelmaschine. Das Stück lebt auch von der psychedelischen Musik und den Soundeffekten, die irene-Darsteller Max Thommes komponiert und zusammengemixt hat. Elektronische Klänge symbolisieren das Schlagen eines oder mehrerer Herzen, in Zusammenspiel mit aufflackerndem Licht.

 

Michael Pempelforth als Bürgermeister / Foto: Rolf Arnold Fußpflegerin und Bürgermeister / Foto: Rolf Arnold Die DarstellerInnen sind von Josa David Marx allesamt in haarige Kostüme gesteckt worden, die an Affen oder Höhlenmenschen erinnern. Allesamt hängen sie mit ihren Herzen aneinander, nur nicht unbedingt in funktionierenden Konstellationen. Der Bürgermeister hängt mit dem ganzen Herz an seiner Stadt, ist in die Arbeit verliebt und weiß doch selbst, dass diese ihm keine Erwiderung geben kann. Michael Pempelforth spielt das Alpha-Männchen mit Glasauge, zwischen jovialem Politiker und selbstmitleidigem Weichling, dem die Zweisamkeit einer echten Beziehung fehlt. Stattdessen begibt er sich in sado-masochistische Pediküre, verliert zwar nicht sein Herz an die Fußpflegerin, dafür aber kurzzeitig seine Hand. Max Thommes zeigt in seiner Interpretation der Fußpflegerin eine Mischung aus Esoterikerin und Liebesleidende, deren Eifersucht am Ende fast zur Katastrophe führt.

 

Runa Pernoda Schaefer als fauna florentina /Foto: R. Arnold Runa Pernoda Schaefer spielt die schöne fauna florentina, die sich nach einem Mann sehnt, der die Leere in ihrem Herzen ausfüllen kann. Einerseits fungiert sie als Vertraute der Figuren in dem Stück, andererseits verkörpert sie das unerreichbare Frauenideal. Besonders deutlich wird dies in der Szene, als sie auf einer übergroßen gelben Ziege wie ein Popstar auf die Bühne fährt und der Bürgermeister weil er florentina nicht landen kann, mit der Ziege ein Liebesspiel beginnt. Florian Steffens als gangsterer andi spielt den tumben Nachtwächter, der sich durch die Aufklärung der Mordfälle Aufstiegschancen und mehr Anerkennung erhofft. Erst in der zweiten Hälfte der Inszenierung taucht Felix Axel Preißler als pfeil herbert auf, mit blonder Engels- oder Amorperücke. Ins Herz von fauna florentina schießt er sich jedenfalls sofort.

 

Theater mit Schlangen und Schalentieren / Foto: Rolf Arnold Die Inszenierung arbeitet mit skurrilen und grotesken Bildern. Schauspielerisch geht es oft klamaukartig und slapstickhaft zur Sache, was dem Stück über weite Strecken eine sehr eigene Art von Humor gibt. Das Mittel der Übertreibung schien dem Regisseur am geeignetsten gewesen zu sein um die Geschichte dem Leipziger Publikum zu vermitteln. Dem Bürgermeister wird beim ersten Leichenfund schlecht, aber bevor er sich in einen Eimer übergeben kann, wirft er einen darin befindlichen Kopf und ein Geschlechtsteil zur Seite. Dann reißen Bürgermeister und Nachtwächter bei der Obduktion der ersten Leiche Gedärmfäden aus dem Körper heraus. Die Souffleuse lacht in die Szene hinein oder ruft Sätze ins Publikum, reinigt aber auch mal die Bühne. Fußpflegerin und Dorfschönheit kämpfen mit Schlangen und Schalentieren bei Stroboskoplicht. Als der Nachtwächter später eine Idee hat, singt er den Einfall mit opernhaftem Heureka heraus, während der anwesende Bürgermeister sich das durch ein Opernglas anschaut. Sprachliche Bilder werden von den DarstellerInnen körperlich umgesetzt und nochmals durch Text verdoppelt. „gangerer, wir treten auf der Stelle“, sagt der Bürgermeister während genau dies vom anderen Schauspieler dargestellt wird. Brüche und Wortspiele werden im Stück ausgespielt. Auch die Ironie kommt nicht zu kurz. Bei einem Streit über den Standort des Einkaufszentrum erhält der Bürgermeister den Vorwurf „Hier draußen stirbt ihre Gemeinde.“, was ihn aus der Fassung bringt, weil er vor kurzem die zweite Leiche entdeckt hat. Der Herzerlfresser bekommt Unterstützung von einem meta-assistent genannten Wesen. Maximilian Grafe im Dirndl und anderen Kostümen tritt in dieser Funktion an verschiedenen Stellen im Stück auf, in einer Szene mit Messer und Kettensäge bewaffnet. Für die Operation entscheidet sich der Mörder dann aber doch für das blaue Star-Wars-Lichtschwert. An schrägen Bildern mangelt es der Inszenierung jedenfalls nicht. Die Schauspieler leisten in ihren Fellanzügen dazu ein sehr körperbetontes Spiel und geraten alle ordentlich ins Schwitzen.

 

Szene Eröffnung des Herzcenters  / Foto: Rolf Arnold Textlich bedient sich das Stück einer poetisch dichten Sprache, angereichert mit vielen Metaphern vor allem aus dem Bereich der Liebe und des Herzens. Das Herz ist das Leitmotiv des Stückes, so soll das neue Einkaufszentrum namens Herzcenter zum neuen Herz der Stadt werden; wieder Leben in die Stadt pumpen. Auch in Bezug auf die menschlichen Beziehungen werden fast alle gängigen Herzwortspiele bemüht und bis zum Schluss durchgezogen, wenn bei der Frage nach dem gemeinsamen Essen „Was Herzhaftes!“ als Antwort kommt.

 

Wer sich auf die Spuren des Herzerlfressers begeben will hat diese Möglichkeit wieder am Mittwoch, den 25. November 2015 um 20:00 Uhr. Alle weiteren Informationen zu Stück und Aufführungsterminen gibt es hier: http://www.schauspiel-leipzig.de/buehnen/diskothek/inszenierungen/der-herzerlfresser-ua/

 

 

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